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0.0 hrs last two weeks / 170.1 hrs on record (73.1 hrs at review time)
Posted: 5 Jan, 2021 @ 5:12am

Mit dem Abschluss der Story wird es Zeit für ein kleines Review:

Fangen wir mal mit dem Release und meinem Einstieg an. Cyberpunk wurde am Releasetag ziemlich fertig gemacht, Bugs, Glitches, Abstürze und zahlreiche andere Probleme haben zuviele Spieler davon abgehalten Night City zu erkunden. Ich selbst gehöre scheinbar zu den glücklichen die von großen Fehlern verschont geblieben sind. Natürlich gab es auch hier einige Bugs und Glitches, aber nichts davon hat mir das Spiel komplett zerstört.

Mit der Erkundung von Night City viel mir dann aber auch auf was hier noch fehlt oder noch ergänzt werden könnte. Angefangen beim sehr rudimentären Charaktereditor der die einzelnen Varianten diverser Körperpartien nicht als Kacheln auflistet sondern ein durchschalten erfordert, sowas hab ich zuletzt bei Skyrim gesehen und schon da war das nicht sonderlich toll. Der ganze Editor fühlte sich ohnehin an als wäre er eher für Konsolen gedacht. Aber auch in NC selbst fehlen mir ein paar Möglichkeiten meinen Charakter zu verändern, angefangen von der Frisur über Tattoos und Piercings oder auch der Möglichkeit von optischer Cyberware (diese spitz zulaufenden Beine, Metalleinlagen an den Armen oder auch die übertriebene Modifikation von Maelstrom). Schon mit der Möglichkeit mein Fahrzeug umlackieren zu könne wäre ich glücklich gewesen.

An sich aber Kleinkram und wenn man sich in der Hauptstory verliert auch eher eine Ablenkung als eine Notwendigkeit. Aber dazu später.

Was Cyberpunk aber wirklich klasse macht (und dabei etlichen RPGs zeigt wie es richtig geht), ist die Atmosphäre, die Musik und die Missionen. Night City ist trotz einiger etwas zu matschiger Texturen (ich denke da besonders an die Auslagen einiger Imbisse und kleinerer Objekte) unglaublich schön. Die ersten Minuten habe ich damit verbracht die NPCs und Fahrzeuge zu betrachten, der Cherry Blossom Market ist bei Nacht ein kleines Feuerwerk aus Neonlichtern, bei Sonnenuntergang in Pacifica am Strand zu stehen gibt einem das Gefühl die Welt könnte jeden Moment zerbrechen und jeglicher gesellschaftlicher Zusammenhalt wäre längst verloren gegangen, Santo Domingo bei Regen wirkt dagegen wie aus der Gegenwart herausgerissen (und wie gut sehen die nassen Straßen bitte aus?!) . In den Straßen von Watson fürchtet man jederzeit einen Überfall und mit nem Fahrzeug durch die Badlands zu brettern lässt einen fast den Staub schmecken. Läuft man während eines Dialoges durch eine Menschenmenge in Japantown und passiert dabei die Imbisse fragt man sich warum man nichts riecht. Und überall gibt es was zu hören, nicht dass die NPCs sonderlich gesprächig wären aber wenn sie sich unbeobachtet glauben bemerkt man etliche Erpressungsversuche, Tratsch über die Ereignisse in der Stadt, Gespräche über Schwankungen an der Börse oder wie sich das neue Implantat anfühlt. Dazu dröhnt besonders an Hotspots überall Musik aus diversen Lautsprechern, jeder hat einen eigenen Sender und es kommt häufig vor dass sich drei Sender überschneiden während in der Ferne noch Schüsse von Gangs zu hören sind. Night City wirkt in diese Momenten verdammt lebendig und real.

Es gibt Dinge die noch verbessert werden können, NPCs könnten auf den Spieler besser reagieren, Gegner nicht da spawnen wo man gerade alles umgelegt hat und von der Polizei fang ich garnicht erst an. Es fehlt auch an tieffliegenden Fluggeräten, es gibt ein paar kleine Drohnen und die großen Transporter weiter oben aber ich habe noch nichts davon wie im Trailer 5 Meter über den Boden fliegen sehen was nochmal einen zusätzlichen Effekt gehabt hätte. Auch ist man scheinbar der einzige Motorradfahrer (abgesehen von 2-3 Missionen) was ich bei der schwammigen Steuerung der Fahrzeuge nicht verstehen kann. Mit nem Motorrad kommt man viel besser durch die Straßen da es leichter zu kontrollieren ist (und dank seltsamer Eigenschaften auch öfter mal ein Auto nach oben katapultiert) während jedes Auto gefühlt soviel wiegt wie ein Sack Kartoffeln und beim lenken direkt ausbricht (passiert auch beim Motorrad aber das lässt sich fangen bevor es ne Menschenmenge plättet).

Hat man sich schließlich an diese kleinen Macken von Cyberpunk gewöhnt, etliche interessante Nebenmissionen erledigt (bisher gab es genau eine Mission die ich schlecht fand) und den eigenen Körper mit Cyberware aufgemotzt kann man sich der Hauptstory widmen (oder man macht das als erstes, aber dann entgeht einem soviel) und hier war ich bis zum Ende gefesselt. Es beginnt zunächst recht bekannt und ein wenig vorhersehbar, entwickelt sich dann aber zu immer mehr und lässt einem Freiheiten die man selbst entdecken muss (passiert auch in Nebenmissionen), wer hier nur stumpf Questpunkte abarbeitet dürfte ein paar tolle Szenen verpassen. Ich war mit dem Ende sehr zufrieden (und es gibt mehrere also wer weiß was noch möglich wäre) und freue mich auf den nächsten Run. Viel mehr lässt sich spoilerfrei aber kaum schreiben.

Für eine gute Story braucht es aber auch gute Charaktere und davon bietet Cyberpunk ne ganze Menge, es gibt zwar auch klassische Stereotypen aber ohne diese würden andere Figuren nicht so stark wirken. Versucht euch nicht zu sehr zu spoilern da auch diese Unwissenheit darüber wer noch wichtig ist jede Entscheidung um so wichtiger macht. Und macht euch bei den Missionen keine Illusionen, viele eurer Entscheidungen werden an anderen Stellen aufgegriffen, euch vorgehalten oder zusätzlich belohnt.

Dann wäre da noch die Musik, verschiedene Sender bieten verschiedene Genre an, mit Ritual FM bin ich direkt fündig geworden aber auch andere Sender sind mit echt guten Titeln bestückt, in der eigenen Wohnung die Ausrüstung anzupassen oder einfach zu verschnaufen geht hier problemlos. Generell ist Musik immer wieder ein Thema, egal ob es die verschiedenen Discos sind die man besucht, der Straßenmusiker auf ner Parkbank, eine Band die für ein Konzert zusammengebracht werden muss oder der Trödelhändler im Musikgeschäft während die Musik optisch an der Decke dargestellt wird, ruhig wird es in Night City selten. Mit Never Fade Away sowohl in der ruhigen als auch der rockigen Fassung hat Cyberpunk ohnehin einen Volltreffer gelandet und fängt viele Punkte der Handlung grandios ein.

Ich habe mit Cyberpunk bereits viel Spaß gehabt, werde sicherlich noch mehr haben und finde es enttäuschend dass es seit Release so in der Luft zerrissen wurde, für das was Cyberpunk bereits bieten kann und das was es eigentlich hätte bieten können wenn man es nicht vorher auf den Markt geworfen hätte ist das einfach ungerecht. Versteht mich nicht falsch, die Kritik ist durchaus gerechtfertigt, nur dürfte jeder Entwickler bei CDPR wütend und enttäuscht darüber sein da soviel Liebe zum Detail in die Welt, die Story und das erzeugen einer echt wirkenden Atmosphäre geflossen ist und das alles durch die ständige Kritik an Bugs und ähnlichen in den Hintergrund tritt. Wer wegen der möglichen Unspielbarkeit auf dem eigenen PC mit dem Kauf noch warten will hat mein vollstes Verständnis, aber ich zweifel nicht daran dass hier noch stark nachgebessert wird. Behaltet es wenigstens im Auge, Night City ist das warten wert.
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